Mit LernOS zum Vegetarier

Wer bitte sagt denn, dass sich ein universelles Lern-Framework, wie LernOS, und eine Ernährungsumstellung nicht wunderbar ergänzen können? LernOS kann dabei helfen seinen Wissensdurst innerhalb von 12 Wochen zu stillen - es kann aber auch noch so viel mehr. Was genau, das beschriebe ich im folgenden Artikel.

Ich war schon immer neu- und wissbegierig. Ich interessiere mich ebenso für neues wie auch für altes, oder „anderes“. Wie sooft ist “anders” derjenige, der sich bewußt außerhalb der eigenen Komfortzone positioniert. Veganer waren für mich solche Leute. Sie waren zwar immer irgendwie da, aber ich hatte bisher keinen Draht zu Menschen, die freiwillig auf Fleisch verzichten. Keinen Draht zu haben heißt ja nicht automatisch, dass man radikal gegen andere Ansichten ist – zumindest in meiner Welt gibt es genügend Raum für Koexistenz. Dennoch hat mich das Thema subtil immer wieder beschäftigt. Mal sah ich seine Sendung über Ernährung, oft flatterte Werbung über vegane Produkte über die Mattscheibe, mal habe ich einen Beitrag zum Thema Fleisch und Tierprodukte gesehen oder Personen gesprochen, die zwar auf Fleisch nicht verzichten, aber dafür sich sehr gut mit dem metabolischen zusammenhängen auskennen.

So habe ich nach der letzten Ernährungsumstellung „weg vom Weizen“ (siehe Ich bin dann mal weg, Weizen!) und Umstellung davor „weg von Kuhmilch“ konsequenterweise den nächsten Schritt eingeleitet. Etwas unsicher war ich mir schon, denn Fleisch war nach Brot das zweitwichtigste Nahrungsmittel das ich kannte. Dennoch alle Impulse der vergangenen Monate beeinflußten mich, genauso wie die Erfahrung der vergangenen Umstellungen, sodass ich am Sonntag den 14. Februar 2021 beschlossen hatte ein neues Experiment zu wagen. Ich erinnere mich an die verblüfften Gesichter meiner Familienbande, als ich ihnen beim Frühstückstisch klarmachte, dass ich ab dem Tag keine Wurst, kein Braten, keinen Fisch und keine Frikadelle mehr essen möchte. Schlimmer noch: Ich wollte auch auf Eier, Joghurt und Käse verzichten. Die Skepsis meiner Frau war deutlich zu hören, auch wenn sie gelassen sein wollte: „Fein! Kinder, euer Vater ist nun Veganer.“ Ich ließ das mal so im Raum stehen und bemühte mich mein erstes fleischloses Frühstück zu organisieren.

Wenn man so eine Reise ins Unbekannte anritt, sollte man sich Halt in einem Plan suchen. Sei der Plan noch so klein, er hilft dabei Rhythmus und Struktur in die Handlung zu bringen. Zumal wollte ich die Effekte meiner Umstellung wahrnehmen. Und genau da fiel mir ein Konzept ein, das ich bereits auf der Arbeit kennen gelernt habe: Scrum. Nun ist Scrum aber für eine Einzelperson viel zu wuchtig. Also schaute ich mich in meiner Twitter-Timeline um und wurde beim LernOS, einem offenen Lern-Framework von cogneon.de, fündig. Nicht nur, dass das Framework sehr nahe am Scrum liegt, es bietet sehr viele Eigenschaften, die mich bei meiner Absicht unterstützen:

  • Es ist leichtgewichtig. Die Voraussetzungen, um zu starten sind minimal. Das Ergebnis ist sehr nachhaltig. Die einzelnen Phasen des Frameworks bieten ausreichend Planbarkeit ohne belastend zu wirken.
  • Der Zeitraum ist auf 12 Wochen begrenzt. Der fixe Zeitraum gibt das gute Gefühl, die Reise tatsächlich überstehen zu können.
  • Es ist flexibel genug für Kontinuität. Es ist nicht ausgeschlossen nach Abschluss eines „Lernpfades“ diesen intensiver zu wiederholen. Im Gegenteil: Das Framework fördert aktiv „lebenslanges Lernen“.
  • Es skaliert mit dem Bedarf. Hier beschränke ich mich auf mich selbst, aber es erlaubt auch in Tandems, oder Gruppen bis hin zu ganzen Organisationen je nach Bedarf zu wachsen.
  • Es erfordert ein Commitment ein, bestenfalls eine öffentliche Absichtserklärung und Zusage, um am Ball zu bleiben. Das führt dazu, dass genügend Energie durch Druck entsteht bis zum Ende durchzuhalten.
  • Es beinhaltet Kontinuität in Form wöchentlicher Ortsbestimmung und bis zu drei größeren Reflexionen (Boxen-Stopp). Die letzte davon hat das Format einer Retrospektive, die ich für eine der wertvollsten Erfindung seit dem Rad halte. (Diese verdient aber ein eigenen Artikel)

So habe ich nun das Framework als Fundament meines Vorhabens ernannt und begann von Tag 1 an es umzusetzen:

  • Rahmen ist gelegt: 12 Wochen ohne Fleisch
  • Absichtserklärung ist ausgesprochen: Familie und Peers sind informiert.
  • Plan: Einhalten eigener Absicht und wöchentliche Erfolgsbestimmung.
  • Finale: Retrospektive in Form dieses Artikels.

Alles in allem vergingen die 12 Wochen wie im Flug. Jedoch gab in diesem Projekt aber auch einige Herausforderungen, die ich bewältigen musste. Wie ich finde, wurden sie vom Framework recht gut abgefedert.

Der tägliche Blick in den Kühlschrank richtete meinen Augenmerk auf die verbliebenen Nahrungsmittel, die mit Fleisch versehen waren. Dem zu widerstehen, war ein mentaler Kraftakt, der nur damit zu bewältigen war, dass ich mir täglich eintrichterte das Experiment erfolgreich “überstehen“ zu wollen. Der zeitlich beschränkte Rahmen hielt meine Disziplin ebenso aufrecht, wie die skeptischen Blicke meiner Familie. Nach einigen Wochen hat diese nämlich meine Entschlossenheit bei dem Experiment akzeptiert und ich wurde nicht mehr an der Nase geführt. Die Akzeptanz war so hoch, dass der Verzicht auf Fleisch ein wenig auf meine Frau und meine Kids abgefärbt ist. Zumindest hatten wir häufiger Salat als sonst.

Während die Wochen vergingen, hatte ich unterschiedliche Gelegenheiten genutzt die Palette meiner Nahrungsmittel zu vergrößern. Auf den Speiseplan unter anderem vegane Würstchen auf den Tisch (da sich meine Frau kurzerhand entschloss an halbwegs sonnigen Wochenenden zu grillen). Ich habe sie pflichtbewußt gegessen, aber sie trafen nicht wirklich meinen Geschmack, also verblieb ich bei anderen Leckereien, etwa gegrillten Maiskolben. Die Nervenbahnen in meinem Kopf haben sich zur Halbzeit so auf die neue Situation eingestellt und verfestigt, dass ich seit jeher keinen Wunsch nach Fleisch verspüre (vor allem nicht nach Fleisch aus Plastikverpackungen). Viel lieber greife ich vermehrt und zu jeder Tageszeit zu Rohkost. Vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber mein Geschmackssinn hat sich deutlich verändert. Ich genieße nun Salzkartoffeln mit Kräuterquark als gäbe es nichts Besseres auf der Welt. Von mir aus bedarf es nicht mal mehr einer „Beilage“, um mich glücklich zu machen. Zuckerhaltige Getränke empfinde ich nun als künstlich und viel zu süß. Unbewusst hielt ich mich in der Zeit auch fern von Cola und co, und war entsetzt, wie süß das Zeug neuerdings schmeckt. Der Reset durch die bewußte Ernährung mit unbehandelten Nahrungsmitteln hat meinen Geschmackssinn wieder gerade gerückt.

Zu meinem Plan gehörte es auch auf Milch und Käse zu verzichten. Dies konnte ich aber nur eingeschränkt durchhalten. Allein der Kräuterquark wird bekanntlich aus Milch gemacht. Auch einen Schluck Milch im Kaffe konnte ich nicht immer widerstehen. Dasselbe erging mir bei den Frühstückseiern. Und als meine Frau eines Tages frischen Fisch mit den Worten „Du kannst ja Salat essen – wir haben Forelle“ auftischte, entscheid ich mich meine Absicht etwas aufzuweichen. Ich liebe Fisch und griff zu. Doch das schlechte Gewissen plagte mich und ich untersuchte die Situation. Nach einigen Recherchen fand ich heraus, dass es auch Vegetarier, die nicht auf Fisch verzichten wollen gibt. Perfekt ich fühle mich als „Pescetarier“ pudelwohl. Es ist nun bei weiten nicht so, dass ich den Fisch nun zu meinem Hauptnahrungsmittel erklärt habe. Es bleibt vorerst bei sehr seltenen, aber köstlichen Genüssen. Dadurch schätze ich hochqualitative Nahrungsmittel viel mehr wert als zuvor.

Auch habe ich nun begonnen meinen eigenen kleinen Garten (in mobilen Hochbeeten) mit Gemüse und Obst zu errichten: Radieschen, Kohlrabi, Erdbeeren wachsen wie verrückt… sogar erste Sprösslinge von Paprika und Karotten kann ich schon vorweisen. Ich freue mich jetzt schon auf die Ernte. Eine Erkenntnis, die ich durch die Beschäftigung mit dem Gemüse erlangt habe, ist, dass sich das Grün von Radieschen und auch Kohlrabi durchaus essbar ist. Bisher habe ich damit meine Müll- bzw. neuerdings Biotonne gefüttert. Ab sofort kann ich den „bisherigen Abfall“ in mein Essen beimischen. Es schmeckt „anders“, aber auch nicht schlecht. Insgesamt muss ich sagen, sind meine Mahlzeiten nun üppiger und optisch sowie kulinarisch bunter. Das Auge isst ja schließlich mit.

Einen Hinkefuß hat der Verzicht auf das Fleisch allerdings. Dem Körper fehlt ein ganzer Schwung Eiweiß für die Muskeln und ein ganzes Bündel Vitamine: etwa Vitamin B2, Vitamin B12 und Vitamin D, sowie Kalzium, Eisen und Zink. Ich mische daher allerlei buntes Gemüse zusammen und vermeide es mich nur auf ein Nahrungsmittel zu fokussieren. Auch werde ich mich nun öfter auf einen möglichen Nährstoffmangel untersuchen lassen. Bisher kann ich aber durchaus sagen, dass es zu keinen Nebenwirkungen, Erscheinungen oder nennenswerten Änderungen in der Verdauung gekommen ist. Das einzige, was auffällig ist, sind die Rückenbeschwerden. Ich vermute hier, dass nicht nur die Mengel an Eiweiß einen gewissen Muskelschwund mit sich führt, sondern auch (vielleicht sogar „vor allem“) mein langes Sitzen am Arbeitsplatz und die seltene Bewegung der Hauptgrund für den Muskelabbau sind.

Eine weitere Herausforderung, die mich in meinem Experiment begleitet hat, waren im Essen versteckte Fleischeinlagen. Meine Frau und ich bereiten schon mal ganz gern Aufläufe vor. Nudeln mit Gemüse gibt es bei uns öfter. Oft gehört Speck hinein, manchmal auch Fleischwurst als Alternative. So passierte es, dass ab und zu ein Stück Fleisch zu mir nahm. Um mich nun nicht verrückt zu machen, entschloss ich mich „Cheat Meals“ zu akzeptieren, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Insgesamt musste ich so vier Mahlzeiten in den 12 Wochen in industriell verarbeitetes Fleisch beißen. Naja. Das Leben geht auch so weiter.

Um das LernOS-Framework auszuschöpfen und intensiv kennenzulernen, habe ich in der Retrospektive diesen Artikel geschrieben. Dies sorgt, dafür, dass das Wissen und die Erfahrung in den letzten 12 Wochen nachhaltig wirken können. Zudem hoffe ich dass einige andere Interessierte auch auf diesen Zug aufspringen. Ich jedenfalls halte LernOS als Vehikel seine persönlichen Ziele abzuschießen als durchaus nützlich. LernOS half mir mein Ziel zu erreichen und diese eine Lebenphase zu meinem “neuen Normal” zu ritualisieren. Ich werde nach neuen Gelegenheiten suchen, um es beim Ausbau meiner Haltung, meines Wissens und meiner Fähigkeiten zu nutzen.

Eine letzte Lesson Learend habe ich bisher vernachlässigt: Dadurch, dass sich dass Vegetarier-Experiment wiederholen lässt, kann die Erkenntnisse Woche für Woche intensivieren. Die Erkenntnisse niederzuschreiben und Lernpfade aufzubauen wäre als Maßnahme in Version 2.0 dieses Zirkels angesagt. Mal sehen, was sich in den kommenden Wochen alles ergibt. Es gibt hier noch viel zu erkunden.

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